INTERVIEW MIT VERENA PAUSDER – UNTERNEHMERIN, INVESTORIN UND SEIT 2023 VORSTANDSVORSITZENDE DES STARTUP-VERBANDS
Wo liegt heute das größte ungenutzte Potenzial zwischen Startups und Mittelstand?
Hier lassen wir gerade viel liegen. Der Anteil der Startups mit Unternehmenskooperationen ist 2025 von 61,9 auf 56 Prozent gesunken – dabei brauchen wir Zusammenarbeit jetzt mehr denn je. 90 Prozent der etablierten Unternehmen sagen zwar, dass Startups wichtige Innovationspartner sind, aber nur 11 Prozent der Startups erleben aktuell echte Kooperationsbereitschaft.
Das passt einfach nicht zusammen. Ein großes Thema ist das Matching: In Deutschland gibt es rund 23.000 Startups und viele Unternehmen finden in diesem riesigen Ökosystem nicht die richtigen Partner. Dabei ist das Potenzial enorm. Startups bringen Tempo, Kreativität und Mut, der Mittelstand Daten, Erfahrung und Marktzugang. Vor allem bei angewandter KI können wir hier richtig Tempo machen: Wenn wir Technologiekompetenz und Mittelstands-Know-how zusammenbringen, entstehen neue Produkte, höhere Produktivität – und echtes Wachstum. Genau das brauchen wir jetzt.
Warum tun wir uns in Deutschland so schwer, Erfolge sichtbar zu machen?
Weil wir Fortschritt oft erst feiern, wenn er risikofrei ist. In Deutschland dominiert Zurückhaltung. Wir reden lieber über Probleme als über das, was funktioniert. Dabei haben wir so viele Erfolgsgeschichten, die Mut machen und Investitionen auslösen. Wir sind nicht so schlecht, wie wir uns manchmal machen: über 3.500 Startups im Jahr 2025 – ein Rekord. Fünf neue Unicorns, vor allem in Deep-Tech-Bereichen wie Raumfahrt, Drohnen und KI. Deutschland kann Innovation. Und unsere Startups zeigen jeden Tag, wie es geht.
Was ist der wichtigste erste Schritt für Mittelständler in Richtung Startup-Kooperation?
Fokus und Klarheit. Nicht „Innovation um der Innovation willen“, sondern ein konkretes Problem definieren – mit klaren Zielen und messbaren Ergebnissen. Drei von vier Scaleups sagen uns, dass schnelle Resultate in der Kooperation entscheidend geworden sind. Wer das ernst nimmt und Prozesse entschlackt, erhöht die Erfolgschancen deutlich.
Was braucht Deutschland mehr: bessere Rahmenbedingungen oder mehr Mut?
3.500 Neugründungen Rekord. Am Mut liegt es nicht. Unser Engpass ist die Skalierung. Wenn wir die Finanzierung für Startups und Scaleups nicht deutlich verbessern, bleiben aus Weltklasse-Forschung und starken Ideen zu oft nur mittelgroße Erfolge. Wir müssen deutlich mehr Kapital von privaten und institutionellen Investoren mobilisieren. Genügend Geld haben wir in Deutschland. Wir sollten es konsequent in Innovation und Wachstum lenken.
Wir bedanken uns herzlich bei Verena Pausder für das Interview und ihre klare Einschätzung zur aktuellen Startup-Szene in Deutschland.